2011: Felix Hnat (VGÖ)

Im Rahmen des Tierschutzprozess in Wien sprachen wir mit Felix Hnat, Obmann (Vorsitzender) der Veganen Gesellschaft Österreich:

Am 21.05.2008 wurden private Wohnungen und Büros gestürmt. Ist Dir bekannt, wielange Du genau vorher observiert wurdest, bevor es zu den Hausdurchsuchungen und Festnahmen kam?

Am Tag der Verhaftung dachte ich zuerst, dass es sich um eine Verwechslung handeln muss. Nach ein paar Stunden erfuhr ich, wegen welchem Gesetz ich verhaftet werde (§ 278a), womit ich natürlich überhaupt nichts anfangen konnte. Wir haben bis heute (28.02.2011) keine volle Akteneinsicht, deshalb kann ich die Frage nicht zu 100% beantworten. Wir wissen zumindest, dass Mitte 2007 die SOKO auf Wunsch der Firma Kleider Bauer gegründet wurde. Seit dieser Zeit wurde mit verdeckten Ermittlungen gearbeitet, mein Telefon wurde ca. 1 Jahr lang abgehört, E-Mail-Diskussionslisten wurden mitgelesen, ich wurde persönlich observiert, bin öfter in Videofallen geraten (vor der Wohnung meiner Ex-Freundin, vor dem VGT-Büro..). Von all dem habe ich nichts bemerkt. Bei anderen Leuten wurden auch Peilsender an Autos angebracht oder sogenannte “große Lauschangriffe”(Video- und Tonaufnahmen im Schlafzimmer) gestartet.

 

Ist es richtig, dass anfangs nur gegen 10 Personen Haftbefehle vorlagen? Warum wurden später noch 3 Personen mehr angeklagt? Wieso waren es nicht von Anfang an die heute 13 bekannten Angeklagten?

Es stimmt, dass anfangs nur 10 Haftbefehle vorlagen – dazu kommen noch ca. 30 Hausdurchsuchungsbefehle, die alle am selben Tag durchgeführt wurden. Im Prinzip war die Auswahl und Anzahl der Leute teils willkürlich. Es sollten halt genug sein, um die Konstruktion einer “kriminellen Organisation”, wie sie im Gesetz beschrieben ist (unternehmensähnlich, hierarchisch..) plausibel zu machen. 10 Verdächtige werden in diversen juristischen Kommentaren als ausreichend viele betrachtet. Die Tatsache, dass die 3 zusätzlichen Angeklagten allesamt VGT-MitarbeiterInnen (Geschäftsführer, Aktivismuskoordinatorin Wien, Aktivismuskoordinator Graz) sind, die von der Anklage erst 2 Wochen vor Prozessbeginn erfahren haben, lässt die Vermutung zu, dass es darum ging, den VGT in seinen Ressourcen zu schwächen und ihm Kampagnenkraft zu nehmen. Fakt ist, dass alle 3 Neu-Angeklagten vom Ministerium direkt “genehmigt” wurden.

 

Wie ist die Reihenfolge (Erstangeklagter, Zweitangeklagter…) derAnklagen zu verstehen? Richtet sich diese nach der Schwere der Vergehen“?

Die Reihenfolge ist teils zufällig und teils sinnvoll. Martin Balluch gilt als Chef der “Tierschutzmafia”. Es ist plausibel, dass er als Erstangeklagter geführt wird. Danach kommen 4 Nicht-BAT-Angeklagte, möglicherweise gereiht nach der Anzahl der Vorwürfe. Der Sechst-Angeklagte soll angeblich die Führungspersönlichkeit in der BAT sein, was absurd ist, da die BAT basisdemokratisch ist. Aber ohne solche Behauptungen keine Hierarchie und somit keine Anklage. Die Angeklagten 10-13 sind die Neu-Angeklagten und werden wieder dem VGT zugerechnet.

 

Felix, wenn die lang ersehnte Urteilsverkündung irgendwann (derzeit noch nicht absehbar) stattfindet, und mit einem Freispruch endet, wie geht es dann für Dich weiter? Kannst Du wieder Dein altes Leben führen? Was hat sich verändert?

Egal was kommt – ich werde weiterhin für Tierrechte und Veganismus aktiv sein.
Im Falle eines Freispruches überlege ich mir, ob ich meine Dissertation fertig schreibe, die ich jetzt unterbrechen musste, oder ob ich mich Vollzeit dem praktischen Aktivismus widme. Wenn möglich, werde ich auch weiterhin viel für die Vegane Gesellschaft Österreich – www.vegan.at – machen, wo ich im Moment einige Verantwortlichkeiten übernommen habe.
Ich selbst werde vermutlich nie wieder so sein wie vor den Vorfällen. Ich bin zwar wieder arbeitsfähig, aber irgendetwas in mir hat sich verändert. z.B. kann ich kein Tagebuch mehr schreiben aus Angst, es könnte beschlagnahmt werden. Man merkt auch z.B. eine Umstellung im Alltag. Früher glaubte ich an das Gute im Menschen und sperrte nie die Tür ab. Inzwischen sperre ich ab, weil ich Angst habe, grundlos von der Polizei überfallen und entführt zu werden. Ich habe nichts verbrochen und mir nichts zu Schulden kommen lassen – so wie damals, 2008.

 

Wie kann man den zu unrecht Angeklagten am sinnvollstenUnterstützung zukommen lassen? Was können Menschen aus Deutschland tun?

Solange wir merken, dass es Leute gibt, denen es nicht egal ist, werden wir Kraft finden, weiterzumachen. So viel Solidarität zu erfahren, ist so kräftespendend und großartig, dass es kaum in Worte zu fassen ist. Wir sind nicht alleine und deshalb machen wir weiter.
Darüber hinaus ist es möglich, per Mail zu protestieren: www.shameonaustria.org oder Soli-Aktionen zu machen (z.B. in Absprache mit der Website).

Geld wird immer benötigt. Es gibt verschiedenen Spendenkonten – dieses ist eines davon:
Rechtshilfe Tierschutz,
IBAN AT09 1200 0503 9412 5801
SWIFT-BIC BKAUATWW,
Bank Austria, Wien

Aja, nochwas: Die Tageszeitung “Der Standard” überträgt an Verhandlungstagen live aus dem Gericht: www.derstandard.at/tierschuetzer

Und ganz am Schluss möchte ich nochmal Danke sagen – an alle, denen es (Welt, Tiere, Repression) nicht egal ist.
Weiter so – auch ihr seid nicht allein!